8.9.10

Sonne in der Nacht

Ich sitze in der Tür und auf der roten Bank. Vor dem Büro regnet es, deswegen steht die Bank in der Tür und hält sie auf und ich sitze an ihrem äußersten Eck, fast draußen, aber im Trockenen.

Ich habe drei Tage im Arabellapark verbracht, was für Außermünchnerische wahnsinnig romantisch klingt. Aber das ist nur der Name für eine Landschaft aus Hochhaushängen und Verbundsteinpuszta, durch die an den besseren Tagen der Föhn Menschenleeren von Angestellten treibt. „Arabella” ist die Tochter vom Bauherren Schörghuber, den sie das hier hinstellen lassen haben. Nach ihr ist auch ein Radio in dieser Stadt benannt, also jetzt kein Transistorradio, sondern ein Sender, den ich mir manchmal ins Auto hole, wenn ich mitsingen will.



Stellt Euch einfach jemanden mit langen grauen Haaren vor, der ein teures Hemd sehr offen trägt und auf dessen schon etwas welker Brust ein goldener Anhänger liegt, der „Arabella” sagt, während er laut aus der Cabriokabine seines Porsche Toscana „Sonne in der Nacht” von Peter Maffay singt. So einen. So einen würde man niemals zu Mittag im Arabellapark treffen, an dem die Straßen nur vorbeiführen, große Straßen, die zu noch größeren Straßen führen, die einen ganz weit weg von München führen, zum Beispiel zum Ikea in Eching oder nach Norschwabing oder Nürnberg.

Auch im Arabellapark gibt es nirgends ein Ziel, wer hier wohnt, den möchte ich nicht kennen. Ich kenne auch keinen. Ich kenne Leute, die hier arbeiten, und das sind die normalsten. Denn man sieht sie mittags nicht zwischen San Francisco Coffee Company und Bistro Föhn und Rewe und Cedar Lounge beim Schaulaufen zwischen den ganzen Burdamädchen, die an einem Spätsommertag, der sich selbst nicht so recht entscheiden mag, entweder mit nackten Beinen oder mit blickdichten Sturmpfhosen in ihren Stiefeln stecken und staken und auch nicht zwischen den jungen Männern, deren Hände hilfos aus dem Sakko hängen, wenn sie in der Mittagspause über die Witze ihres Chefs nachdenken.

Alle strahlen, lachen und prahlen im Geradeausgang, als wären sie schon so weit; traurig muss ich dann aber doch ganz alleine für sie sein. Nur nicht für diese Ältere, Typ verkapselte Modeschlussredakteurin, die nach dem Mittagsrennen noch vor dem Italiener sitzen bleibt, in dem die Kellner alle so nett sind, und mit sich redet über das Pack, dass sie endlich alleine lässt. Oder nein, da sitzt ein kleiner Hund neben ihr auf der Bierbank und bekommt ab und zu einen Happen Salsicce aus dem Linsenragout mit Papardelle zugeworfen und ein paar Worte. Die Kellner lächeln im Vorbeigehen dazu, die Sonnenbrillen schauen weg.

Als ich vorhin zurückgeradelt bin, habe ich vorne am Giesinger Berg auch Frauen mit großen Brillen und langen Strickmänteln gesehen, auch Männer in Anzügen, und plötzlich waren sie auch normal, einmalig, weil: am Ziel, daheim. Wahrscheinlich sind die vom Arabellapark daheim auch alle ganz nett, normal, einmalig. Der Arabellapark aber bleibt ein riesengroßer Dementor aus Stein, Stahl und Glas mit Löchern für Bäume und Blicke drin, durch die am Sonntagabend immer mal wieder einer nach unten aufs leere Pflaster fällt, wenn die Lindenstraße und der Tatort vorbei sind und das Leben sich ihnen wieder verschließt.

Aber jetzt ist es Mittwoch um halb neun und ich sitze hier in der Tür und kritzele auf Papier, das auf einem Tablett liegt, das auf meinen Knien liegt. Die Kollegin sitzt gleich gegenüber im Schreibtischlampenlicht und tastet zu guter Musik am Computer herum, so als wenn sie die selbst machen würde. Und man könnte denken, ich zeichne sie. Aber es ist anders.

Es ist dunkel, der Feierabend ist jetzt verschwunden. Ein weißer Fiat Panda Pickup rumpelt vorbei, einer steckt aus dem Bistro Harlekin gegenüber kurz den Schwellkopf heraus. Eben standen noch drei im Hauseingang daneben, abwechselnd glühte es in ihren Gesichtern auf. Über der Kreuzung hängt hier eine Doppelneonstraßenlaterne, ein Ende ihrer Aufhängung ist direkt unter meinem Küchenfenster drei Etagen höher verschraubt. In allen vier Straßenrichtungen ist keine zehn Meter weiter noch mal je eine Doppelneon aufgestellt, so dass der dunkle Nachthimmel kaum durchkommt und diese Kreuzung wie ein riesiger Raum wirkt mit Wänden an allen Seiten und Decken- und Stehlampen und Türen, durch die Leute kommen und gehen. Großes kleines Theater.

Ich sitze hier nach drei Tagen Dementorpark an der Nachtrampe, trinke mit der Kollegin einen Stenzz, den wir vor ein paar Wochen erfunden haben und der bald weltberühmt in München sein wird. Ich überleg, ob ich was sagen soll, und da sage ich schon: „Die Leute, die hier her zu uns kommen und sagen, dass es wunderschön ist, die haben eigentlich, ach was, die haben ganz recht.” Hm? Weiter: „Und ich kann hier immer hinkommen! Jetzt hier draußen sein und gleich wieder drinnen, oben. Einfach hier so sitzen und reden und schweigen zu können, gute Leute kennen zu lernen und denen was Gutes zu tun, vom Schreibtisch und vom Herd aus, und dann gehe ich drei Stockwerke höher in meine Wohnung und freue mich drauf - das ist schon ein Geschenk. Aber eins, dass man sich erst mal verdienen muss. Was es noch besser macht.”


Jetzt drückt drüben ein Darter seine Zigarette aus und geht wieder rein zum Royal Flush oder wie sie das nennen. Vorhin bog eine Frau auf dem Rad ums Eck und hielt kurz ihren Mittelfinger hoch. Oben hat auch mal der Fotograf aus dem Fenster geschaut, der sein Studio gleich neben dem Harlekin hat. Und irgendwann habe ich die verrückte Chinesin mit einer alten Chinesin gesehen, wie sie Koffer hinter sich her gezogen haben. Kurz danach ist die verrückte Chinesin zurück ums andere Eck gerannt. Sie hat mir mal erzählt, dass sie Vertrieb für IT-Produkte macht und da immer in irgendwelche Kleinstädte muss, wo Deutschland aber so richtig seltsam ist, und manchmal muss sie auch zu Sachen kommen, die nicht gehen, dabei hat sie überhaupt keine Ahnung von dem Ganzen, sagte sie, und lachte schrill. Sie würde so gerne mal unter der Woche in München sein, hier sein. Sie ist natürlich nicht verrückt. Ob die alte Chinesin wenigstens ihre Mutter ist?

Die drei Harlekins gehen wieder rüber zum Rauchen in den Hauseingang. Oder nein, nur einer sitzt da, ein anderer steht im Kneipeneingang, der Dritte geht im Regen. Ja was?

Ich stelle mich mit meinem dritten Stenzz auch in den Regen, mal sehen wie er dann schmeckt. Dann kommt die schwäbische Conny von gegenüber ums Eck, sie war gerade beim chinesischen Doktor und könnte jetzt davonfliegen, sagt sie und versucht’s auch gleich. Sie hat sich gerade noch ein Feierabendbier an der Tankstelle geholt, ich mache ihr einen Stenzz draus und verspreche, dass ich am Freitag in die Fraunhofer Schoppenstube komme, wo sie in der Nacht Akkordeon spielt und alle mitsingen.

Als wir später Feierabend machen, überlegen wir, was das für ein lustiges schwäbisches Wort das war, das sie immer wieder gesagt hat. Statt „schwätzen”. Aber es fällt uns nicht mehr ein.