„Du versaust uns den ganzen Nachmittag”, zischt es hinter mir, „den ga-han-zen Nachmittag. Statt dass Du froh bist, dass wir mal rauskommen, machst du wieder nur alles schlecht. Du kannst immer nur alles schlecht machen.” Die Frau spricht sehr präzise und fast singend, was vor allem an ihrem schweizer Dialekt liegt, der sich einmal völlig Bahn bricht, als sie den Mann einfach niederreden muss, weil er immer nur leise murmelt und dabei zwischen weinerlich, aggressiv und höhnisch changiert, während sie immer nur phrasiert und die Phrasen dabei stets wiederholt, Strich und Punkt. „So kannst Du mit mir nicht reden, kannst Du nicht, das muss ich mir nicht gefallen lassen, muss ich nicht, nie, nie, nie hast Du mal eine Idee, keine Idee, nie, nie, mit Dir komme ich überhaupt nicht mehr unter Leute, ich fühl mich mal schon ganz isoliert von der Welt, wenn Du mir so kommst, sind wir geschiedene Leute”, so steigt es immer wieder hinter mir zwischen den Rosen hervor, während ich mit geschlossenen Augen mein Gesicht in die Sonne halte. Erste Fluchtgedanken weichen bald der Vorstellung, ein Hörspiel zu erleben.
Er murmelt von Innovationen und vom Seehaus, sie schwyzerzischt, was denn am Seehaus innovativ sei und sie wollte halt mal in den Rosengarten, und nie, nie, nie komme was von ihm! „Deine Psychologin”, schreit er plötzlich auf, „weißt Du, die ghört ersäuft, mit dem Kopf zuerst” und äfft kindisch eine Frauenstimme nach. Sie wartet still, bis er fertig ist, dann hackt sie böse wispernd zurück.
Erst nach einer Viertelstunde denke ich darüber nach, wie sie wohl aussehen und stehe dann auch schon auf, drehe mich um und gehe auf sie zu, der Weg führt genau zwischen ihnen hindurch, er ein großer grauer Mann in einer Wanderjacke, die wie Herbstlaub leuchtet, sein stattliches Gesicht hat über die Jahre viel Kummer gefressen und Zorn ausgespuckt. Sie im schwarzen Kostüm mit einem Gesicht, aus dem die Augen hasserfüllt wie hilfesuchend heraustreten, so dass man meint, die blass-glänzende Haut würde deswegen so glatt über den Knochen spannen.
Keine Frage, Kummerzorn und Spannhaut proben seit vielen Jahren für dieses Sonntagnachnmittagsstück, das selbst auch nur wieder eine Probe ist für die täglichen Stücke der nächsten Jahre. Ich könnte jetzt hingehen und ihnen sagen, dass jeder hier im Rosengarten nach dieser Viertelstunde weiß, dass das nichts mehr wird, dass sie jetzt doch endlich mal ihr Stück bis zum Ende durchziehen sollen, statt immer den Aufstand zu proben. Aber hey, ich bin doch nur Publikum. Und drehe nach links ab und hole mir im Cafe ein Stück Mohnkuchen.



