Ich fuhr in den Ort, nach einem Transistorradio schauen, in einem Laden, an dem noch „Radio und TV” steht. Schräg gegenüber ein Haushaltswarengeschäft mit Pfannen, Toastern und Keramik in den Schaufensterkammern. Dahinter wurde es schnell dunkel um das familiäre Mittelstandsschicksal in einer Kleinstadt am See, Landjugendflucht, Nachfolgerprobleme. Aber vielleicht schalten die beiden Frauen ja das Licht an, wenn ein Kunde den Laden betritt.

Ich ging in den Zeitschriftenladen, kaufte den Stern, die Süddeutsche, einen Wanderführer und eine Trauerkarte. Der Regen draußen wurde stärker, ich entdeckte hinten im Eck eine Glastür, durch die es direkt in die Eisdiele nebenan ging. Hier saßen drei Bayern und ein Preuße bei Weißbier auf Tropenholz, die blonde Bedienung war sehr braun unter ihrem Gondogliere-T-Shirt und hatte hübsche Fersen in den Lederclogs.
Auf der Fensterbank lagen bunte Sitzkissen, da konnte man sich ein bisschen großstädtischer fühlen, aber als ich kurz nach draußen auf die Terrasse schaute (vorne nasse Tische, hinten ein Trinker), floh ein Touristenpaar an mir vorbei in die Sitzkissenmoderne. Sie schauten sich nicht an, sie redeten nicht, sie sahen aus, wie zwei Menschen, die sich nie kennenlernen wollen. Er bestellte mit Frauenstimme unsicher zwei Cappuccino, sie starrte durch alles hindurch und ich weiß nicht, ob es Wut, Angst oder egal war, aber sie wäre wohl gerne woanders und nicht mit ihm gewesen. Und ich weiß auch nicht, ob das unter ihrem Kinn im Gegenlicht noch ein Regentropfen oder schon eine Warze war.
Dann kam mein Espresso, das Leitungswasser in einem Stielglas, das mit einem Schlag auf dem Fensterbankmarmortisch aufsetzte. Ich las von einem holländischen SS-Mann, der in Ingolstadt lebt, von Kinderzimmern in Downing Street 11 und dass Ex-No-Angel Nadja Benaissa Bewährung bekommt, weil sie mit Männern geschlafen hat. Weil die keinen Kondom hatten. Weil sie ihnen nicht gesagt hat, dass sie HIV-positiv ist. Manchen hat sie es gleich beim ersten Date gesagt, manchen nie aus Angst, die Beziehung würde zu Ende sein. Ich würde gerne wissen, mit welchen Männern sie es dabei ernster meinte.
Ich kenne eine Frau, die als Mädchen den Fanclub von Nadja organisiert hat und dabei viel mit ihr zu tun hatte und viel für sie tat, ohne was. Auch sie eine hübsche, intelligente Halbmarokkanerin mit schwierigen Familienverhältnissen. Eigentlich kenne ich diese Frau nicht, sondern nur das Mädchen von damals. Was sie jetzt wohl über Nadja Benaissa denkt?
Der Wind hat den Regen gerade wieder über den See zurückgetrieben. Ich bekomme kalte Füße, werde gleich die Decke drumwickeln, die über meinen Knie liegt. Draußen läuft einer, der erste seit einer Stunde. Bevor ich nachher fahre, werde ich noch in den See gehen und dann heiß duschen.
Ich weiß auch nicht, aber es geht mir gut.
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